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Hautpflege: Wirksamkeit = hoher Preis?

“Teuer heißt nicht automatisch besser.” – klar wie aqua purificata. Ist der Umkehrschluss also, dass günstige Kosmetik genau so gut sein kann, wie hochpreisige Hautpflege?

Das Thema ist ebenso komplex wie emotionsgeladen. Bedauerlicherweise hat auch Marek, der Chemiker und Cosmetic Formulator unseres Vertrauens, keinen befriedigenden, bequemen Leitfaden, wie man wirksame Hautpflegeprodukte am Etikett erkennt. Wie bei jedem Experten erhält man auf eine solche Frage die einzig seriöse Antwort: Es kommt drauf an.

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Kosten eines Kosmetikproduktes

Dass der Preis einer Creme nicht allein auf den Rohstoffkosten basiert, ist sicherlich jedem klar. Dass aber viel mehr dazu gehört, vergisst man recht schnell. Sieht man die äußerst günstigen Cremes und Wässerchen in Drogerien und in Lebensmittelgeschäften, fragt man sich unweigerlich, wie ähnliche Tiegel ein Vielfaches kosten können. Ist es wirklich immer nur die Werbung und teure Testimonials?

Für einen hohen Preis können unterschiedliche Faktoren verantwortlich sein…

  • Forschung (Untersuchung von Wirkstoffen) und Entwicklung (innovative Technik, z.B. Verkapselung)
  • teure Rohstoffe (≠ automatisch vorteilhaft für die Haut)
  • Preispolitik (Marktpositionierung, Herstellungskosten, anvisierte Gewinnmarge, Investments)
  • Vertrieb (E-Commerce, Einzelhandel, Katalog – Zwischenhändler?)
  • Abnahmemenge
  • Steuern & Zölle
  • Testverfahren (Verträglichkeit, Wirksamkeit an Proband*Innen in klinischem Setting)
  • Sensorik (Textur, Duft)
  • Produktkategorie (z.B. Augenpflege, Serum)
  • Verpackung
  • Anspruch an Idealen, Zertifizierung (z.B. Naturkosmetik, PETA)
  • Kundenbetreuung / Beratung vor Ort
  • Marketing / Werbung, PR

Forschung und Entwicklung

Research & Development kann finanziell für ein Unternehmen sehr belastend sein, sodass sich meistens nur große Konzerne wirkliche Forschungsarbeit leisten können. Jedoch können wir als Verbraucher und andere Firmen noch Jahre von dem erworbenen Wissen zehren, wie beispielsweise von der Forschung rund um Antioxidantien von SkinCeuticals oder rund um AHAs und PHAs von NeoStrata.

Dies ist auch ein Aspekt, wieso ausgerechnet große Konzerne im Zusammenhang mit Tierversuchen stehen. Für andere Marken ist es einfach sich von dieser Praxis freizusprechen – so weit zu gehen sich auch von den Ergebnissen zu distanzieren, gehen sie jedoch nicht.

Besonders bei hochpreisiger Kosmetik wird nicht zwingend auf Wirksamkeit, sondern auf Sensorik gesetzt. Ein luxuriöses Gefühl auf der Haut und ein angenehmer Duft verleiten häufig dazu, mehr Geld auszugeben. Duftstoffe können bei besonderen, individuellen Kompositionen einen hohen Kostenfaktor darstellen.

Bestenfalls erfüllt ein (hochpreisiges) Produkt beide Fassetten: Wirksamkeit und Wellness.

Rohstoffe und Testverfahren

Vom Produktpreis kann man weder auf die Qualität, noch auf die Wirksamkeit von Kosmetikprodukten schließen. Zwar können selbst simple Zutaten in ihrer Qualität variieren, jedoch hängt dies nicht vom Preis ab – zumal diese auch stark von der Abnahmemenge abhängen.

Als Verbraucher kann man hier nicht wirklich Schlüsse ziehen. Erlebt man jedoch Unterschiede im Ergebnis zweier ähnlicher Produkte, kann das durchaus an den Rohstoffen, aber auch an einer schlicht besseren Formulierung liegen. Wie effektiv ein Wirkstoff ist, hängt nämlich von viel mehr ab, als dem INCI.

Die Inhaltsstoffliste dient einer groben Orientierung, hinter der jede Menge Know-how steckt.

Hohe Rohstoffkosten können dennoch den Produktpreis in die Höhe treiben. Allerdings kommt einem das nicht zwangsläufig zugute. Wie Agata schon schrieb: "Diamantenstaub ist hochwertiger als Mica, und trotzdem glitzert Mica stärker." Es geht darum, welcher Inhaltsstoff die bessere Wirkung hat.

Ähnlich verhält es sich beispielsweise mit einzigartig gezüchteten Extrakten: Die Kosten sind enorm, doch gibt es nicht immer unabhängige Belege für die Wirksamkeit und erst recht nicht für die Überlegenheit anderen, bewährten und günstigeren Inhaltsstoffen gegenüber.

Bei Tests ist es ähnlich: Unternehmen, wie z.B. Clinique fahren ein sehr ausgeweitetes Spektrum an Verträglichkeitstests während der Produktentwicklung auf. Diese Kosten schlagen sich auch dementsprechend auf die Produkte aus.

Sortiment & Zertifizierungen

Die Produktkategorie gibt preislich viel vor: ein Gesichtswasser soll beispielsweise nicht zu teuer in der Herstellung sein, weil man damit nur wenig Umsatz machen kann – außer es handelt sich dabei "nur um Wasser" wie Thermalwasser. Bei Paula's Choice wiederum achtet man auf viele Benefits im Toner (ähnelt eher dünnem Serum), was sie deutlich teurer macht als ein Produkt in der Drogerie.

Ganz anders bei Augencreme. Hier sind die Verkaufspreise trotz geringerer Menge ähnlich teuer wie Cremes, obwohl sie –entgegen viel Marketing – selten mehr leisten oder hochwertigere Inhaltsstoffe enthalten.

Ein Preistreiber kann auch Vielfalt sein, wie man sie vermehrt im Makeup-Segment in Form von großer Farbauswahl beobachtet. Produkte mit geringerer Popularität durchgehend anzubieten, ist ein Luxus, den der Kunde mitfinanziert. Das kennt man nicht zuletzt auch aus Pharma.

Zertifizierungen können KonsumentInnen zu mehr Vertrauen und Orientierung innerhalb des Marktes verhelfen. Allerdings sind sie teuer und treiben ebenfalls Preise drastisch in die Höhe. Der Mehrwert ist zudem fraglich. Einige Marken erfüllen Standards, ohne sie zertifizieren zu lassen, weil sie entweder die Kosten für Zertifikate nicht tragen können oder wollen. Zudem suggerieren Labels nicht selten mehr, als sie tatsächlich leisten. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass auch "Clean Beauty" in irgend einer Form normiert wird und sich wie auch bei einigen Naturkosmetik-Zertifizierungen selbst reguliert – nicht etwa eine unabhängige und kritische Organisation.

Preispolitik

Abhängig von Standorten werden mitunter sehr hohe Preise für Kosmetikartikel angesetzt. Französische Apothekenkosmetik ist beispielsweise in USA deutlich teurer als innerhalb Europas. Aber auch NeoStrata ist in den USA teurer als hier, obwohl von dort kommend. Man orientiert sich an marktüblichen Preisen und positioniert sich passend zum Marken-Image.

Das Wegfallen von Zwischenhändlern kann enorme Kosten einsparen. E-Commerce hat viele neue Möglichkeiten eröffnet, insbesondere für junge Marken. Doch der Markt ist umkämpft wie die Stellflächen im stationären Handel. Marketing und Werbung ersetzen Mietkosten, Beratung findet auf Abruf online statt vor Ort statt.

Hohe Gewinnmargen sind eine bewusste Entscheidung bei größeren Unternehmen und können vielfältige Grunde haben. Nicht immer muss es Profitgier per se sein. Knapp zu kalkulieren kann beispielsweise Arbeitsplätze riskieren, Innovation ausbremsen und zu ethisch fragwürdigen Praktiken treiben.

Kleine Gewinnmargen kann sich ein Unternehmen nur bei sehr großen Absatzmengen erlauben, wie beispielsweise Drogerieketten. Kleine Unternehmen wie Start-ups sind mit so geringen Gewinnmargen selten überlebensfähig.

Als Konsument empfiehlt es sich bei kleinen UND günstigen Marken deshalb zweimal hinschauen, ob große Versprechen realistisch betrachtet erfüllt werden können. Viel mehr ist genau hinzusehen angebracht, wenn Preise hoch und Statements "bold" sind.

Seit dem Instagram-Boom ist es noch einmal schwieriger geworden den Beauty-Markt zu durchschauen. Wenn FOMO1 oder Begeisterung für eine Brand / Influencer nicht der primäre Kaufgrund sein sollen, ist es aktuell sicherlich sinnvoller eine Marke zunächst zu beobachten und vorerst bei Bewährtem zu bleiben. Die Chance, dass man tatsächlich eine Innovation verpasst, ist doch eher gering.

Vielmehr herrscht derzeit eher eine "Fast Beauty"-Stimmung: was bei Fashion geklappt hat, funktioniert bei Make-up und schwappt nun zu Skincare über. Nur weil Hautpflege auch eine Schnittmenge mit Gesundheit hat, muss es sich noch lange um keine "gute Sache" handeln.

Spätestens, wenn man eine Art von Stress empfindet, sollte man einen Mehrwert hinterfragen.

Aus diesem Grund hat Marketing sicherlich auch ein schlechtes Image, dem dennoch die meisten in irgend einer Form verfallen – je mehr man es leugnet, umso mehr vermutlich. Doch Werbung ist nicht nur schlecht. Das beste Hautpflegeprodukt mit hervorragendem Preis-Leistungs-Verhältnis bringt einem nix, wenn man davon nicht erfährt. Eine Kunst ist es überzogene Versprechen von tatsächlich vielversprechenden Produkten unterscheiden zu können.

Lösung: Klarheit über Erwartungen

Damit das Hautpflege-Budget sinnvoll investiert ist, sollte man sich in erster Linie fragen, welche Prioritäten man wirklich hat. Wer diesen Beitrag liest, wird vermutlich die Wirksamkeit und Hautverträglichkeit über Prestige und Optik stellen, vielleicht auch über Ideologien – wenn nicht, ist das aber auch okay. Wir wünschen jeden, dass er seine Wahl aufrichtig, aus Überzeugung trifft und nicht basierend auf falschen Vorstellungen.

Sich mit Inhaltsstoffen auf chemischer und dermatologischer Ebene auseinander zu setzen ist ein Fundament, mit dem sich "softere" Auswahlkriterien prima kombinieren lassen – nach dem Motto: "eine Sorge weniger". Die Gewissheit ist die Mühe wert, insbesondere aber nicht ausschließlich bei kleinerem Budget.

INCI-Skills sind vor allem auch unheimlich hilfreich dabei die Masse an Optionen zu filtern und drastisch einzugrenzen. Viele Produkte fallen basierend auf Inhaltsstoff-Prämissen weg. Man schaut querbeet in allen Preisklassen, freut sich über tolle, günstige Formulierungen ebenso wie über besondere Zusammensetzungen, die genau die Lieblingswirkstoffe enthalten und kostenintensiver sind. Oder aber kann man besser nachvollziehen, warum die Produkte einer jungen Marke teurer sind, möchtet sie aufgrund der Firmenphilosophie dennoch unterstützen.

Um die Frage im Raum abschließend zu beantworten:

Ja, man kann seine Haut hervorragend pflegen, ohne viel Geld auszugeben!

Milde Reinigung + passende, reizarme Pflege + täglicher Sonnenschutz = weitaus mehr als die halbe Miete und müssen überhaupt nicht teuer sein. Für Problem-Solver in Form eines Treatments, wie Salicylsäure bei Pickeln oder Vitamin C bei ungleichmäßigem Teint ist dann hoffentlich für die meisten noch drin.

  1. "fear of missing out" – die Angst etwas (einen Trend) zu verpassen.
Autor

DIRTY BEAUTY TALK mit Magi & Marek – jeden Sonntag um 11 Uhr (und manchmal auch donnerstags)…

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